Den Fachkräftemangel überbrücken: Vom Nachwuchsingenieur zum Industrie-Innovator
Ich wurde eingeladen, beim Future Engineers Programme der CWIEME Berlin 2026 auf der Central-Grid-Bühne zu sprechen — Teil des Diversity-&-Inclusion-Programms zum 30-jährigen Jubiläum der Veranstaltung. Der Vortrag zeichnete meinen eigenen Weg von der akademischen Forschung zur industriereifen Netz-Ingenieurskunst nach — und begründete, warum das Schließen dieser Lücke dringlicher ist, als es der Sektor bisher zugegeben hat.
Der Auslöser
Der Vortrag begann mit einem Satz, der alles Folgende prägte: Die Herausforderung war nie nur Hardware — sie war Systemkoordination. Probleme in der Netztechnik scheitern selten daran, dass ein Transformator falsch dimensioniert wurde. Sie scheitern daran, dass Hardware, die steuernde Software und die zugrunde liegende Regulierung von drei Teams entworfen wurden, die nie miteinander gesprochen haben.
Netz-Engpässe, konkret
Um diese These zu untermauern, ging ich die konkreten Engpässe durch, auf die ich bei der EV-Integrationsarbeit stoße:
- Trafo-Kapazität — lokale Nachfragespitzen, die klassische Dimensionierung nie vorgesehen hat.
- Netzstabilität — das Gleichgewicht zwischen erneuerbaren Energien und hohen, unvorhersehbaren EV-Ladelasten.
- Regulatorische Workflows — Politik, die der Technologie, die sie regulieren soll, um Jahre hinterherhinkt.
- Planungsunsicherheit — Ladepunkte effektiv platzieren, ohne belastbare Nachfragedaten als Grundlage.
Das sind keine abstrakten Restriktionen. Das ist der Arbeitsalltag beim Versuch, den Verkehr einer Stadt zu elektrifizieren — auf einem Netz, das dafür nie ausgelegt war.
NSGA-II und geospatiale Optimierung
Der technische Kern des Vortrags war das mehrkriterielle Framework, das ich zur Bewertung des Ausbaus urbaner Ladeinfrastruktur entwickelt habe — mit einem NSGA-II-genetischen Algorithmus, der die Standortwahl von Ladepunkten unter konkurrierenden Restriktionen (Netzkapazität, Zugangsgerechtigkeit, Flächennutzung) gleichzeitig optimiert, statt eine Variable zu lösen und zu hoffen, dass der Rest hält. Es ist dieselbe Forschungsrichtung, die 2025 mit dem IEEE Best Paper Award ausgezeichnet wurde — als Anerkennung der zugrunde liegenden Systemmodellierung und Netzintegrationsarbeit.
Die gesamte Wertschöpfungskette
Erfolg in diesem Bereich erfordert die Ausrichtung dreier Ebenen, die viel zu selten gemeinsam entworfen werden:
- Hardware — Transformatoren, Schaltanlagen, Kabel, Ladestecker.
- Software — dynamisches Lastmanagement, Prognosemodelle, KI-gestützte Optimierung.
- Politik — Planungsvorschriften, Stadtpolitik, Netzstandards.
Systeminteroperabilität ist zwischen diesen drei Ebenen kein Nice-to-have. Sie ist der eigentliche Engpass.
Eine Botschaft an zukünftige Ingenieure
Ich schloss den Vortrag mit dem Punkt, auf den der gesamte Vortrag eigentlich hinausgearbeitet hatte: Die Innovatoren von morgen sind diejenigen, die diese Silos schon heute überbrücken können. Drei Dinge, die ich jedem Ingenieur, der in dieses Feld einsteigt, ans Herz legen würde:
- Wissenstransfer — eine ganze Generation an Netz-Expertise geht in den Ruhestand; sie mit neuer Technologie zu verbinden, ist keine Option, sondern dringend.
- Interdisziplinäre Kompetenzen — Engineering allein reicht nicht mehr; es muss neben Daten- und Politik-Kompetenz stehen.
- Systemdesign statt Instandhaltung — der Mentalitätswechsel vom Am-Laufen-Halten des Netzes hin zum aktiven Neuerfinden, wie es läuft.
Das ist die eigentliche Chance in der Fachkräftemangel-Debatte — kein Mangel, über den man klagen sollte, sondern eine wirklich offene Tür für Ingenieure, die bereit sind, über die Grenzen hinweg zu arbeiten, die die Branche verkrusten ließ.



